Schlosspark Nordkirchen


Der Garten

                                     

In landschaftlich reizvoller Lage des südlichen Münsterlandes, unweit des Ortes Nordkirchen, liegt die bedeutendste Schlossanlage des Barock in Westfalen. Schloss Nordkirchen, aufgrund seiner Bedeutung für die Architektur- und Gartengeschichte vielfach als ´Westfälisches Versailles´ bezeichnet, ist eingebettet in ein weitläufiges Parkgelände, das mit seinen Alleen weit in die umgebende Landschaft ausstrahlt.  

 

Viel vom ehemaligen Glanz der Anlagen kann man heute noch verspüren. Von vielen Stellen im Park aus ergeben sich immer wieder reizvolle Blicke auf das imposante Wasserschloss. Am eindrucksvollsten ist der Blick von der Wasserterrasse im Nordgarten über den Schlossteich mit seiner Fontäne und die Venusinsel. Die Venusinsel mit ihren Rasen- und Broderieparterres, den Formgehölzen und den zahlreichen Bildwerken, ist das Herzstück der bisherigen Rekonstruktionen im Park.

Die weiteren, ehedem herrschaftlichen Gärten wie der prachtvolle Westgarten blieben lediglich in ihren barocken Grundstrukturen mit Alleen, Achsen, Parkarchitekturen und Skulpturen erhalten. Aber auch diese Parkteile vermitteln dem Besucher einen Eindruck von der ehemaligen Schönheit der Gesamtanlage. Bei einem Spaziergang durch den Park stößt man immer wieder auf barocke Skulpturen und Mauerpfeiler, die besondere Punkte - wie den Beginn einer der zahlreichen Alleen - markieren oder auf Reste vergänglicher Parkarchitekturen wie die eines eisernen Laubenganges. Sie alle sind relikthafte Zeugnisse aus der Blütezeit der Anlage:

Schloss und Park gehen in den Grundzügen ihrer heutigen Erscheinungsform auf Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg-Lehnhausen zurück, der 1694 den Plan fasste, an der Stelle einer bestehenden Wasserburg ein Schloss für seine Familie zu erbauen. Pläne, die wehrhafte Burg aus dem 14. Jh. zu renovieren, wurden zugunsten eines Neubaus fallengelassen. Der Fürstbischof beauftragte seinen Hofarchitekten, Gottfried Laurenz Pictorius mit den Planungen. Ein erster Barockgarten im "holländischen Stil" wurde bereits zwischen 1704 und 1707 angelegt. 

1712 übernahm mit Freiherr Ferdinand von Plettenberg eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des westfälischen Adels die Administration der Nordkirchener Güter.

In seinem Gefolge trat ab 1723 der bedeutende Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun auf Schloss Nordkirchen in Erscheinung. Unter seiner Federführung wurden in den folgenden Jahren nicht nur die Neu- bzw. Umbauten der Oranienburg als Gartenkasino mit Festsaal, der Fasanerie, der Orangerie und der Westbrücke vollzogen. Unter Schlaun wurde auch der Westgarten erheblich erweitert und zu einem der wohl schönsten Gärten Europas ausgebaut. Schlaun ließ den holländischen Garten mit Erde überdecken und plante stattdessen ein klassisches französisches Rasenparterre mit großem Bassin und vier Fontänenbecken. Reste des Bassins sind noch heute als Weiher im ehemaligen Westgarten zu erkennen.

1727 erfolgte eine Verdoppelung der Fläche des "petit parc", des Westgartens. Zahlreiche Gartenelemente wie Ballspielplätze, Wasseranlagen oder Broderieparterres erweiterten diesen Gartenteil. Die Grundstrukturen der Schlaunschen Anlagen sind noch heute im Gelände zu erkennen. In einem umfangreichen Parkpflegewerk aus den 1980er Jahren wurde der Erhalt dieser Strukturen und eine teilweise Rekonstruktion als Ziel formuliert.

Der in seinen Grundzügen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Gartenpartien fertiggestellte Park zählte ab 1733 zu den interessantesten Anlagen in Deutschland. Er stand somit im Kanon mit den prachtvollen Anlagen am Schloss Augustusburg in Brühl, am Jagdschloss Clemenswerth in Sögel oder denen am Schloss in Münster. Alle diese Anlagen entstanden unter der Regentschaft des Fürstbischofs und Kurfürsten Clemens August von Bayern, dem Dienstherren des Ferdinand von Plettenberg. Dieser konnte sein mondänes Leben in Schloss und Park Nordkirchen jedoch nicht mehr lange genießen. Politisch unter Druck geraten, flüchtete er 1733 nach Wien, wo er 1737 starb.

Erst 1833, nach der Übernahme durch das Ehepaar Esterházy-Galántha, wurden im bis dahin weitgehend unveränderten Schlosspark wieder Umgestaltungen vorgenommen. Unter Maximilian Friedrich Weyhe, Königlicher Gartendirektor aus Düsseldorf, wurden im Bereich der Schlossinsel und in der Hauptachse des Schlosses - im Nordgarten - zeitgenössische Veränderungen vollzogen. Es war allgemein üblich, die strengen "französischen" Anlagen durch moderne Anlagen im "englischen", also mehr landschaftlichen Stil zu ersetzen. Der von Schlaun bevorzugte Westgarten blieb von diesen Überarbeitungen jedoch verschont.

Nicolaus von Esterházy, Sohn des gräflichen Paares, erweiterte Ende des 19. Jh. die südlichen Anlagen Nordkirchens um die Parklandschaft auf dem Rennplatz, bevor 1903 der Herzog von Arenberg den Schlossbesitz kaufte. Dieser beauftragte Achille Duchęne, Gartenarchitekt aus Paris, Pläne zur Rebarockisierung und Erweiterung zu erarbeiten. Im wesentlichen erhielt der von Weyhe veränderte Nordgarten wieder strengere, neobarocke Formen mit Broderieparterres und zahlreichen Skulpturen.

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges fanden die Pläne zur Neugestaltung der Schlossparkanlagen ihr Ende. Der Herzog von Arenberg zog sich nach Belgien zurück. Die Gesamtanlage wurde immer weniger gepflegt und verfiel bis zur Übernahme durch das Land Nordrhein-Westfalen im Jahr 1958 nahezu gänzlich

Schloss und Oranienburg wurden von diesem Zeitpunkt an für ihre neue Nutzung als Fachhochschule für Finanzen restauriert und erste Maßnahmen zur Wiederherstellung der Parkanlagen wurden ergriffen, vorwiegend im Nord- und Ostgarten sowie auf der Schlossinsel. Was man allerdings heute auch sieht, sind die durch die Nutzung als Fachhochschule für Finanzen neu hinzugekommenen Gebäude wie das Schwimmbad im Bereich des ehemaligen Schwanenweihers und die Mensa.

Für die ungebrochene Attraktivität der Gesamtanlage sprechen die rund 400 Hochzeiten in der Schlosskapelle und die bis zu 500.000 Besucher, die Schloss und Park Nordkirchen jährlich zählen.